Anpassen und beharren

Die Historie prägt die Waldenser-Gemeinde Rohrbach-Wembach-Hahn • Von Marlene Broeckers

OBER-RAMSTADT. An den Waldensern kommt man nicht vorbei, wenn man in Rohrbach-Wembach-Hahn wohnt. Der Stadtteil Ober-Ramstadts besteht aus drei Waldenser-Siedlungen.

Der neue europäische Kulturwanderweg, der mehr als 1800 Kilometer den Spuren der protestantischen Glaubensflüchtlinge – Hugenotten und Waldensern – folgt, ist noch nicht einmal ausgeschildert, da sitzt schon der erste Wanderer im Sonntagsgottesdienst in der kleinen Waldenserkirche in Ober-Ramstadt / Rohrbach. Nachkommen der Jayme-Linie, die Mitte des 19. Jahrhunderts aus Rohrbach in die USA ausgewandert sind, kommen nach Deutschland und suchen ihre Verwandten. Für Carola Lautenschläger, eine geborene Jayme, die seit Jahrzehnten in der Kirchengemeinde aktiv ist und alljährlich am Waldenserzug in historischer Tracht teilnimmt, ist dies ein deutliches Zeichen: »Wir klammern uns nicht an die Vergangenheit, sondern wir wissen eine große Tradition hinter uns, die sich offen vorwärts bewegt.«

Die Waldenserkirche in Rohrbach mit prächtigen Blumen im Vordergrund.

Es war am Deutschen Waldensertag, den die Kirchengemeinde Rohrbach-Wembach-Hahn 2006 ausrichtete, als Christoph Lubotta zum ersten Mal auf Tuchfühlung ging mit der Gemeinde, deren Leitung er kurz danach übernahm. Die Kirchengemeinde ist nicht nur bereit gewesen, während der seit zwei Jahren währenden Pfarrstellen-Vakanz das Fest auszurichten, sondern sie hängte einen zweiten bunten Abend an, brachte sämtliche Vereine dazu mitzumachen und konnte somit eine extrem hohe Beteiligung der Bevölkerung verzeichnen.

Müden Ski-Saisonabschluss in Liberty-Day verwandelt

An den Waldensern kommt man nicht vorbei, wenn man in Rohrbach-Wembach-Hahn wohnt. Der Stadtteil Ober-Ramstadts besteht aus drei historischen Waldenser-Siedlungen. Die Waldenser sind überall aktiv, und nicht selten an vorderster Front, sei es in der Kirche, im Ortsbeirat oder in einem der zahllosen Vereine. Heißt einer mit Nachnamen Keller, hat man es eventuell mit einem zu tun, dessen Mutter eine geborene Pra ist; trifft man eine Frau Schneider, so stammt ihr Mann von Seiten der Mutter her möglicherweise aus der Gaydoul-Linie. Im Kirchenvorstand, der derzeit aus neun Personen besteht, sind sechs Mitglieder waldensischer Abstammung.

Die Waldenser in Rohrbach-Wembach-Hahn finden zu allem ihren Bezug. In der Alten Schule, in dem ein Raum im ersten Stock als »Gemeindehaus« fungiert – für Sitzungen, Konfi-Unterricht und Frauenhilfe-Treffen – wird jetzt im Erdgeschoss ein kleines »Waldenser-Museum« eingerichtet. Der neue Wanderweg erfordert es und die Europäische Union übernimmt die Hälfte der Kosten. Geschichte wird den Konfirmanden vermittelt, die seit 2003 regelmäßig eine Studienfahrt in die Waldensertäler unternehmen. Und die Waldenser waren so kreativ, die müde Saison-Abschluss-Party des Skiclubs vor acht Jahren zum »Liberty Day« umzumünzen. Seitdem wird jedes Jahr mit einem großen Feuer an den 17. Februar 1848 erinnert. Das war der Tag, an dem den italienischen Waldensern die Bürgerrechte zugestanden wurden.

Die ersten Male gedachten die Waldenser dem Ereignis noch am Sportplatz, inzwischen entfachen sie das Feuer vor der Dorfkirche. Natürlich haben die Waldenser auch dafür gesorgt, dass Ober-Ramstadt 1974 verschwistert ist mit Pragelato in Italien, wo die Vorfahren der Waldenser aus Rohrbach, Wembach und Hahn heute leben. Es ist eine spezielle Mischung aus Beharrlichkeit und Anpassungsfähigkeit, die die Waldenser auszeichnet und dafür sorgt, »dass es uns überhaupt noch gibt«, wie Carola Lautenschläger sagt.

Wird die Beharrlichkeit der Waldenser auch belohnt bei der Revision der Kirchenordnung, mit der sich derzeit die Synode der Landeskirche beschäftigt? Carola Lautenschläger ist bis zum ehemaligen Kirchenpräsidenten Peter Steinacker vorgedrungen, um ihm zu erläutern, wie wichtig es ist, dass die überkommenen Rechte der Waldenser, die laut der bestehenden Kirchenordnung gelten, weiterhin Bestand haben. Zu diesen Rechten, die 1699 mit dem damaligen Darmstädter Landgrafen Ernst-Ludwig ausgehandelt worden sind, gehört zum Beispiel die freie Wahl des Pfarrers in der Kirchengemeinde.

Waldenserfräuleins in traditioneller Tracht, im Vordergrund links ein Knabe.

Den ersten Bewerber, der sich nach dem krankheitsbedingten Ausscheiden von Diethard Mertens meldete – er hat die Gemeinde 23 Jahre geleitet und dabei hohe Maßstäbe gesetzt – lehnte der Kirchenvorstand ab. Den zweiten, den Pröpstin Karin Held für die Pfarrstelle ins Auge gefasst hatte, empfing er mit offenen Armen, wie Christoph Lubotta, 36, strahlend berichtet. Vorher war er Pfarrvikar in Lorsch und wurde danach gebraucht, um den Jugendkirchentag in Bad Nauheim zu organisieren. Im Sommer 2006 wurde Lubotta in der Rohrbacher Kirche ordiniert, erst zwei Jahre später konnte er ins Pfarrhaus in der Pragelatostraße einziehen, das erst einer grundlegenden Sanierung unterzogen werden musste, dafür im Keller jetzt aber auch über einen Jugendraum verfügt.

Was ist – jenseits der Waldenserei das Besondere an der Kirchengemeinde Rohrbach-Wembach Hahn? »Der Sonntags-Gottesdienst«, sagt Gerald Keller ohne Zögern. Wenn es weniger als 40 bis 50 Besucher seien, müsse schon etwas anderes Besonderes anstehen. In der Tat liegt die Waldensergemeinde, gemessen an der Zahl ihrer 1350 Mitglieder, im Schnitt auf Platz Eins im Dekanat Darmstadt-Land, was die Zahl der Gottesdienst-Besucher betrifft.

Die Frauenhilfe wirkt ganz stark bei den Waldensern

Gesine Ewald findet, dass die Frauen viel bewirken. Sie selber engagiert sich seit 23 Jahren in der Frauenhilfe. Tatsächlich gehören auch Frauen aus den Nachbargemeinden zu den 60 bis 70 Teilnehmerinnen beim Frauenfrühstück im Bürgerhaus. Sehen lässt sich auch die Anzahl von mehr als 100 Ehrenamtlichen, zu denen freilich auch die Mitglieder des Kirchenchors gerechnet werden.

Penelope Schneider, seit 14 Jahren in Rohrbach, schätzt »die Symbiose von gelebter Tradition und Offenheit«. Jedes Jahr am Ewigkeitssonntag werde beispielsweise im Gottesdienst auch an die verstorbenen Katholiken im Gemeindegebiet erinnert. Beispielhaft findet Christoph Lubotta auch das Neubürgerfest im Neubaugebiet von Wembach sowie das »Eine-Welt-Fest«, das erstmals 2007 an Erntedank gefeiert wurde und künftig alle zwei Jahre im Kalender notiert werden soll: Alle Hilfsorganisationen aus Rohrbach-Wembach-Hahn sind dabei und engagieren sich für internationale Anliegen. Als wichtigste Charaktereigenschaft beschreibt Gerald Keller die Gastfreundlichkeit. »Wenn sich Besucher aus den Partnerstädten angemeldet haben, weiß Bürgermeister Werner Schuchmann, dass es kein Problem darstellt, bei uns 50 Übernachtungsquartiere zu finden.«

Evangelisch-Reformierte Kirchengemeinde Waldenserkolonie, Rohrbach-Wembach-Hahn, Pfarrer Christoph Lubotta, Pragelatostraße 112, 64372 Ober-Ramstadt/Rohrbach, Telefon 0 61 54 / 25 79.