Standpunkt

 Heiliger Sonntag

Von Wolfgang Weissgerber

An den Osterfeiertagen spielten in der Fußball-Bundesliga Bayer Leverkusen gegen Werder Bremen und der VfB Stuttgart gegen den Hamburger SV. Auch in der Zweiten Liga wurde angepfiffen, selbst einige Amateurmannschaften mussten ran. Wen kümmert’s?

Fußball am höchsten christlichen Feiertag ist kein Grund zur Aufregung, solange wenigstens Weihnachten spielfrei bleibt. Bei unseren holländischen Nachbarn, wo es der vielgerühmten niederländischen Liberalität zum Trotz eine erzkonservative Reformierte Kirche gibt, sieht das anders aus (Seite 11). Bei den Reformierten ruht sonntags auch der Ball. In Deutschland ist man schon dankbar, dass die x-te Wiederholung von »Stirb langsam« nicht am Karfreitag gesendet wurde, sondern am Ostersonntag und -montag lief.

Dennoch: Die Zeit der evangelischen Leisetreterei ist offenbar vorbei. Die Kirchen fordern keine feiertägliche Askese, aber sie kämpfen um den Sonntag. In die Abschaffung des Buß- und Bettags hatten sie sich vor 15 Jahren noch still ergeben. Stark für andere, Stimme der Stummen – das war man immer gern. Aber in eigener Sache das Maul aufreißen – Gott bewahre!

Das war einmal. Als die Finanzwelt noch in Ordnung schien, erfanden die Ackermanns und Henkels und Westerwelles dieses Landes die »Deregulierung«: Die darbende Wirtschaft müsse von allen Fesseln, die ein übermäch-tiger Staat ihrem Drang nach Entfaltung (im Klartext: Rendite) angelegt hatte, befreit werden. Der arbeitsfreie Sonntag wurde als überflüssiges Relikt einer dunklen, obrigkeitsstaatlicher Vergangenheit denunziert.

Aber Profit ist nicht alles. »Ohne Sonntag gibt es nur noch Werktage«: ein griffiger Slogan, der den Kirchen Verbündete eingebracht hat – wertkonservative Unionschristen ebenso wie die Gewerkschaften. Sie sind sich einig: Der Sonntag ist der Tag der Besinnung, der Ruhe und der Familie. Arbeit soll da die Ausnahme bleiben. Zumindest streiten kann man über den Einkauf: Ganz einleuchtend ist es nicht, dass man sonntags zwar im Wirtshaus ein Schnitzel bekommt, nicht aber beim Metzger. Diese Bastion wird wohl nicht ewig halten. Einige Breschen sind schon geschlagen.

Natürlich erwarten wir, dass öffentliche Verkehrsmittel auch sonntags unterwegs sind, dass Krankenhäuser und Kraftwerke den Betrieb aufrechterhalten, dass Fernsehen und Radio senden, die Montagsausgabe der Tageszeitung produziert wird, dass Restaurants offen sind. Und natürlich hätten es die Konzerne gern, das ihre teuren Fließbänder auch am Sonntag laufen. Aber warum eigentlich? Es ist ja nicht so, dass Mangel an lebenswichtigen Gütern herrschte.

Auch die verbreitete Unsitte von kommunalpolitischen Terminen sonntags um zehn oder elf Uhr muss man nicht einfach hinnehmen. Gerade instinktlos ist es, worauf jetzt südhessische Pfarrer hinweisen (Seite 11), wenn der Bürgermeister dann noch ganz selbstverständlich mit ihrem Erscheinen rechnet.

Womöglich hat ausgerechnet die multikulturelle Gesellschaft den Kirchen Mut gemacht, sich nicht alles gefallen zu lassen. Muslimische Frauen tragen selbstbewusst ein Kopftuch, islamische Gemeinschaften ziehen aus Hinterhofbaracken in repräsentative Moscheen und bärtige Imame empören sich über schlechte Karikaturen: Das zeigt das bei allen kritischen Einwänden auch, dass der Verweis auf religiöse Gefühle im 21. Jahrhundert nicht betretenes Schweigen auslöst, sondern auf Verständnis stößt.

Verbote und Verweise auf religiöse Rituale allein retten den Sonntag jedoch nicht. Ihrem gegenwärtigen – das muss nicht so bleiben – Verlust an gesellschaftlicher Bedeutung muss sich die Kirche stellen. Letztlich bewegt auch sie sich mit allem, was sie tut und lässt, auf einem großen Markt. Wer das beste Angebot hat, setzt sich dort durch. Auch zur Gottesdienstzeit um 10 Uhr.